Architekturwettbewerb
Im Februar 1998 wurde der Architekturwettbewerb mit vier Ausschreibungen, je eine pro Arteplage, eröffnet. Ziel war, interdisziplinär zusammengesetzte Teams aus Architekten, Ingenieuren, Landschaftsarchitekten, Szenografen, Künstlern und Spezialisten zu finden. Die Vorgaben waren vielfältig und ambitiös: Vier Standorte, bestehend je aus einem Expopark (Ausstellungsfläche an Land) und einem Forum (der Ausstellungsplattform auf dem Wasser), ein enger Kostenrahmen für Infrastrukturbauten wie Restaurants, Schiffsanlegestellen, Empfangs- und Einlasszonen, Theater und Bühnen und so weiter. Die vier Arteplages sollten sich durch eine unverkennbare Gestaltung auszeichnen, die sowohl den jeweiligen Spannungsbogen als auch den Genius loci widerspiegelte. Dementsprechend enthielten die Ausschreibungsunterlagen nicht nur technische und planerische Vorgaben, sondern auch Vorarbeiten wie Assoziationsraster, Bildwelten und Informationen zu geplanten Ausstellungen.
Paolo Ugolini, der Directeur Technique der damaligen Expo.01, beabsichtigte – durchaus in der Tradition der Chefarchitekten Armin Meili (Landi 39) und Alberto Camenzind (Expo64) – der Landesausstellung ein architektonisches Profil mit hohem Wiedererkennungswert zu verleihen. Bereits 1997 entwickelte Ugolini ein Baukastenprinzip, welches zwei standardisierte Grossformen definierte: Die Plattformen im See und die Dächer darüber – beide ausgeführt als Tensegrity-Strukturen. Gleichzeitig mit dieser ingenieurtechnisch bis ins kleinste Detail spezifizierten Konstruktion liess Ugolini auch die Konsequenzen für die Baulogistik einschliesslich Vorfabrikation, Transport und Umschlagplätzen ausarbeiten. Im Wettbewerb waren diese Elemente vorgegeben.
Verfahren
Der Wettbewerb verlief nicht ohne Probleme. Die eingereichten 47 Beiträge wurden im Juli 1998 durch eine internationale Jury beurteilt. Im Präqualifikationsverfahren wurde das Teilnehmerfeld für eine zweite Runde auf 16 Konkurrenten reduziert: je vier Teams pro Arteplage. Doch der Konflikt im Spannungsfeld zwischen den verspielten Entwürfen und dem ingenieurtechnisch konsequent ausgedachten Gesamtkonzept Ugolinis liess nicht auf sich warten: Im Herbst 1998 wendeten sich die damalige künstlerische Direktorin Pipilotti Rist, die internationale Jury und die teilnehmenden Wettbewerbsteams gegen die allzu einengenden Vorgaben: Eine Interpretation der Arteplage-Themen und der ortsspezifischen Merkmale sei kaum mehr kreativ umzusetzen. Insbesondere auf den Plattformen sei die Gestaltungsfreiheit zwischen den beiden vorgegebenen horizontalen Raumschichten zu einschränkend.
Um den Konflikt ohne Übungsabbruch zu bereinigen, wurde Ruedi Rast als Krisenmanager eingesetzt. Er öffnete die Rahmenbedingungen zugunsten eines grösseren Interpretationsspielraumes, verlängerte die Wettbewerbsfrist und führte eine Zwischenkritik ein. Damit war das Baukastensystem mit seinen Rahmenbedingungen relativiert. Paolo Ugolini reichte in der Folge seinen Rücktritt ein. Im Dezember 1998 erfolgte die Zwischenkritik, und im Februar 1999 fanden die Schlusspräsentationen und die endgültige Beurteilung durch die Jury statt. An einer Pressekonferenz am 02.03.1999 in Genf wurden die vier Siegerteams bekannt gegeben.
Die Siegerprojekte zeigten, dass das Abrücken vom Baukastenprinzip und dem damit verbundenen Einheitslabel der Primärstruktur für die Unverwechselbarkeit der vier Arteplage-Architekturen von grösster Bedeutung war. Durch den Wettbewerb erhielt jede Arteplage ihren eigenes Architektur-Team mit je einer individuellen Handschrift. Die traditionsreiche und patriarchale Rolle des Architecte-en-chef der schweizerischen Landesausstellungen wurde abgelöst durch eine partnerschaftliche Form der Zusammenarbeit.
Die architektonischen Konzepte wurden mit dem Wettbewerb geschaffen. Die Direction Technique übernahm die Rolle der Gesamtkoordination, entschied bei den umfangreichen Einsparungen und Ersatzlösungen – und sicherte die architektonisch-qualitative Umsetzung.
Ruedi Rast, Directeur Technique, Architecture.Expo.02, 2003